Ostfriesen-Zeitung, 26.09.2008

Wenn Jungs beim Lernen stören

BILDUNG An der KGS Großefehn soll es öfter Unterricht speziell für Mädchen geben

Die Schule hat bei einem EU-Projekt mitgemacht. Ziel   ist, durch  praxis­orientiertes Lernen Inte­resse an Naturwissen­schaften zu wecken.

VON TATJANA GETTKOWSKI

 

GROßEFEHN - Biologie, Phy­sik, Chemie - für die meisten Schüler lästige Pflicht. Nur wenige entscheiden sich für ein naturwissenschaftliches Studium. Folge: Europa geht langsam der wissenschaftli­che Nachwuchs aus. Ein EU-Projekt will daher das Interes­se der Schüler an der ver­meintlich drögen Materie we­cken. Mit im Boot sind die Fachhochschule Emden und die Kooperative Gesamtschu­le (KGS) Großefehn (siehe Info-Kasten). Dort erlebten Schüler Physikunterricht der etwas anderen Art.

 

Das Thema Auftrieb wurde nicht anhand von Formeln, sondern ganz praktisch erar­beitet. Aufgabe der Schüler war es, ein schwimmfähiges Boot zu bauen, das einer Last von 150 Kilogramm gewach­sen ist (die OZ berichtete). „Wenn man die Jugendlichen heute zum Thema befragt, müssen sie das nicht in Bü­chern nochmal nachlesen, weil sie es verinnerlicht ha­ben", erklärt Antje Gronewold von der FH Emden, die das Projekt begleitet. Der Lehrer habe nur noch die Funktion, den Unterricht zu begleiten. „Er gibt höchstens noch Anre­gungen und Hinweise", so Gronewold. Fragestellungen und Lösungen erarbeiten die Schüler. „Sie lernen so das selbstständige Arbeiten."

 

Beim Bootsbauprojekt wurde nach Worten von Gro­newold deutlich, wie sinnvoll geschlechtergetrennter Un­terricht sein kann. „Wir hatten einen Jungen im Team, der selber segelt", erzählt Kim (16). Der habe im wahrsten Wortsinn das Ruder an sich gerissen. „Die Mädchen durf­ten nur streichen und abdich­ten", berichtet Physiklehrerin Rita Cierpka-Gröger. Ab ei­nem gewissen Alter sei diese Dominanz nach ihrer Beob­achtung ein typisches Phäno­men in den naturwissen­schaftlichen Fächern. Im sprachlichen Bereich verhalte es sich dagegen genau umge­kehrt. Dort seien die Jungen zurückhaltender. Der 15-jäh­rige Carsten hat nicht so gute Erfahrungen im reinen Jun­genteam gemacht. „Zwei wa­ren gar nicht bei der Sache, so dass einer viel alleine machen musste", berichtet er vom Bootsbauprojekt. Zufrieden war dagegen Tabea (16). „In unserem Mädchenteam ha­ben alle gleich viel gemacht und gut mitgearbeitet." KGS-Leiter Günter Kottkamp wertet die Teilnahme am Projekt als Erfolg. Der praxisbezogene Unterricht soll darum keine Eintagsfliege bleiben, sondern wo immer es die Lehrpläne zulassen, realisiert werden. „Dass Geschlechtertrennung sinnvoll sein kann, hat sich ge­zeigt. Wir werden das im Un­terricht in den Jahrgängen zu­mindest zeitweise umsetzen."

 

 

Das Projekt

Die Fachhochschule Em­den beteiligt sich am EU-Projekt „Problemorientier­tes projektbasierendes Lernen". Auch Hochschu­len in Rumänien, Tsche­chien, Finnland, Däne­mark und Spanien sind be­teiligt. Ziel ist es, das Interesse an naturwissen­schaftlichen und techni­schen Unterrichtsfächern zu wecken.

Zu den Projektschulen

der Fachhochschule Em­den gehört die KGS Große­fehn. Emder Studenten ha­ben untersucht, ob dieser praxis- und projektbezoge ne Unterricht an der KGS Großefehn Früchte getra­gen hat.

Hintergrund für die Stu­die war das europaweite Phänomen, dass junge Leute immer weniger Inte­resse an wissenschaftli­chen und technischen Stu­dienfächern haben.

 

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